BUND Regionalgruppe Ostwestfalen-Lippe
Jetzt spenden Mitglied werden
 Relativ häufig zu sehen: Tagpfauenauge auf Wiesenschaumkraut

Artenschutz und Biodiversität

Begeisterte mit ihrer Einführung in die "Wundersame Welt der Insekten": Vivian Holzhauer von der Biologischen Station Lippe.  (Foto: Claudia Viotto)

Wundersame Welt der Insekten

Wenn man den Vortrag „Wundersame Welt der Insekten“ von Vivian Holzhauer (Biologische Station Lippe) gehört hat, sieht man Insekten mit anderen Augen. Gleich bei der nächsten Begegnung, zum Beispiel mit einer Stubenfliege oder einem Käfer im Garten, lässt sich das merken.

Der erste Aha-Effekt für mehr Respekt gegenüber Insekten stellte sich mit Blick auf die „Phylomap of Life“ des Integrierten Zentrums für Biodiversitätsforschung Leipzig ein, den Vivian Holzhauer auf die Leinwand projizierte. Eine schematische Übersicht, die alle 1,7 Millionen beschriebenen Arten von Organismen, die auf diesem Planeten leben, anteilmäßig abbildet: Bakterien, Pflanzen, Algen, Pilze und alle uns bekannten Tiere. Die größte Fläche nehmen Insekten mit 1 Millionen beschriebener Arten ein, d.h. knapp 60%. Ursachen dieses Erfolgs der Insekten seien u.a. die Metamorphose, die schnelle Generationenfolge und hohe Anpassungsfähigkeit an jegliche Lebensräume, wie die Geschäftsführerin der Biologischen Station Lippe erläuterte.

Dann folgte ein Stammbaum der Insekten, der von evolutionär sehr alten Arten bis zu den „neuesten Errungenschaften“ reichte. Hieran stellte die Referentin nun alle Gruppen zumindest kurz vor, sofern sie auch in Deutschland vertreten sind. Die Artenvielfalt sei zwar in den Tropen am höchsten, doch auch hier gebe es „eine Menge zu entdecken“, so Holzhauer. Die Reihe der Porträts von Insektengruppen und -arten begann mit primär ungeflügelten Insekten wie Silberfischchen, gefolgt von primär geflügelten Insekten, darunter Libellen - evolutionär „super alt“ -, von denen es in Deutschland 85 Arten gibt. Auf Fotos erschienen die erfolgreichen „Jäger der Lüfte“, unterteilt in Groß- und Kleinlibellen, u.a. anhand der Position der Flügel, ob quer ausgebreitet oder in der Ruhe hochgeklappt. Die Bebilderungen erlauben, die jeweiligen Exemplare bis ins buchstäblich kleinste Glied zu betrachten wie Schwingkölbchen von Fluginsekten, Borsten oder Mundwerkzeuge.

Da auf die vier großen Gruppen („The Big Four“) Hautflügler, Zweiflügler, Schmetterlinge und Käfer 860.000 Arten der 1,7 Millionen Arten entfallen, und davon 380.000 auf Käfer (7.000 in Deutschland), ist jeder vierte Organismus ein Käfer. Gott habe, dem Biologen J.S.B. Haldane zufolge, eine besondere Vorliebe für Käfer gehabt, zitierte die Referentin und zeigte ein Bild ca. 100 schöner Käfern in allen Farben. In Audio-Einspielungen ließ sie hören, wie die Heuschreckenarten Grünes Heupferd, Feldgrille, Gemeiner Grashüpfer und Roesels Beißschrecke zirpen. Viele Besonderheiten ließen aufmerken. Larven von Kleinlibellen räubern als Lauerjäger, wobei ihre Fangmaske blitzartig nach vorne schnellt. Ohrenkneifer können fliegen; und seien angesichts ihres Brutverhaltens – sie füttern ihre Larven - besser als ihr Ruf. Einprägsam auch die Symbiose von Läusen und Ameisen durch Honigtau, den die einen loswerden wollen und die anderen fressen, sodass Ameisen sich Läuse sogar in Herden halten. Dazu in Großaufnahme eine zart-grüne, weichhäutige, kugelrunde Blattlaus im harmonischen Zusammenspiel mit einer sie „melkenden“, Ameise. Auch der „Schlenker“ zum Thema Pflanzengallen: Pflanzen, die durch Ei-Sekret genetisch manipuliert werden und Gallen ausbilden, in denen Larven, etwa der Buchgallmücke, heranwachsen können. Die fragile Metamorphose einiger Schmetterlinge, so dass auch mal kein Schmetterling entstehe. Die Gottesanbeterin existiere infolge des Klimawandels schon in Deutschland, noch nicht in Lippe, aber das sei nur eine Frage der Zeit.

Zur aktuellen Situation der Insekten erwähnte Vivian Holzhauer die Krefelder Studie (2017), d.h. den Rückgang der Biomasse an Fluginsekten innerhalb 27 Jahren um 75 % in einem deutschen Naturschutzgebiet. Sie nannte Ursachen des Insektensterbens und Gegenmaßnahmen, wie im eigenen Garten für Insekten günstige Bedingungen zu schaffen, sich zum Beispiel im BUND zu engagieren oder in der Kommunalpolitik Einfluss zu nehmen, wobei wichtig sei, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu arbeiten. Denen, die mehr über Insekten wissen wollen, empfahl Vivian Holzhauer drei Bücher des Dave Goulson: Das Summen in der Wiese, Wildlife-Gardening und Stumme Erde.